Integration von Flüchtlingen in die demokratische Wertegemeinschaft

Expertenaustausch über Strategien und Konzepte in der politischen Bildungsarbeit

Berlin, 8. Oktober 2015

 

ERGEBNISSE

 

Zum ersten Mal seit der Nachkriegszeit ist in der Bundesrepublik Deutschland in sehr kurzer Zeit eine große Anzahl an Flüchtlingen nach Deutschland gekommen. Dies stellt Politik und Gesellschaft vor diverse Herausforderungen. Die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge kommt aus muslimisch geprägten Ländern wie Syrien, dem Irak, Afghanistan und Pakistan. Dabei handelt es sich um Länder, die entweder keine oder nur bedingte Erfahrungen mit demokratischen Prozessen besitzen. Darüber hinaus sind Stereotype über den Westen im Allgemeinen und Juden/Israel im Speziellen und auch ein anderes Verständnis über Geschlechterrollen weit verbreitet.  Obwohl Deutschland ein großes Netzwerk von öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen mit bildungspolitischen Erfahrungen besitzt, stellt die Integration von hunderttausenden Flüchtlingen, mit überwiegend muslimischem Hintergrund, in eine demokratische Gesellschaft eine besondere Herausforderung dar.

Am 8. Oktober 2015 fanden sich etwa 30 Experten aus den Bereichen Zivilgesellschaft, NGOs, Bildung und Politik zusammen, um über effektive Handlungsschritte bei der Integration von Flüchtlingen in eine demokratische Wertegemeinschaft zu diskutieren. Ziel dieses ersten gemeinsamen Treffens war es, einen vorläufigen Überblick über mögliche Strategien für die politische Bildungsarbeit zu schaffen und Möglichkeiten einer Umsetzung zu erörtern. Dabei wurde u.a. auf die konkrete Rolle der Zivilgesellschaft eingegangen und die Bedeutung von bereits etablierten Integrationskursen und Willkommensklassen für die demokratische Wertevermittlung hervorgehoben. Auch die Stellung von Schulen und Kindertagesstätten für eine frühzeitige Einbeziehung und Integration zugewanderter Kinder wurde von vielen Teilnehmern hervorgehoben. Gleichwohl wurden zahlreiche Defizite und Vorschläge im Umgang mit der aktuellen Lage erörtert. Der Expertenaustausch brachte dabei diverse Ergebnisse hervor.

Im Rahmen des Expertenaustauschs wurden unterschiedliche Empfehlungen für eine erfolgreiche Integration in eine demokratische Gesellschaft genannt:

  1. Demokratische Werte müssen frühzeitig in Willkommensklassen und Integrationskursen vermittelt werden, um gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und Antisemitismus sowie radikale Strömungen wie dem Salafismus effektiv entgegenwirken zu können.
  2. Strukturen der Schaffung demokratischer Partizipation sowie der strukturellen Integration in den Alltag (z.B. durch Arbeit, Schule etc.) sollten so früh wie möglich gefördert werden.
  3. Programme und Maßnahmen zur Förderung der Integration von Flüchtlingen, wie zum Beispiel Sprach- und Integrationskurse, bedürfen eines verstärkten Ausbaus und einer Individualisierung, um adäquat auf aktuelle Umstände und individuelle Bedürfnisse reagieren zu können.
  4. Für eine bestmögliche Integration von minderjährigen Flüchtlingen ist der Einbezug von und die Vernetzung mit ihren Eltern, beispielsweise in Kitas und Schulen, wichtig.
  5. Bereits gesammelte Erfahrungen sollten stärker genutzt werden. Beispielhaft sind Erfahrungen jüdischer Gemeinden in der Arbeit mit Flüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion oder aus der Kinder- und Jugendarbeit. Zudem kann die Kontaktpflege zu bereist bestehenden Netzwerken aus den Herkunftsländern, beispielsweise der syrischen oder kurdischen Community in Deutschland, verstärkt genutzt werden.
  6. Die Vermittlung demokratischer Werte sollte mittels einer Erweiterung der Kapazitäten nachhaltig angelegt werden, indem bspw. Multiplikatoren aus deutschen Migrantencommunitys identifiziert, geschult und aktiv in diese Arbeit eingebunden werden.
  7. Die Verwaltung bedarf einer zusätzlichen Unterstützung/Ausbau von Kapazitäten zur Bearbeitung anhängiger Asylanträge, um eine zeitnahe Integration von Asylbewerbern zu ermöglichen.
  8. Organisierte Strukturen in den Flüchtlingsunterkünften müssen geschaffen oder verbessert werden, um eine kontinuierliche und effektive Arbeit mit den Flüchtlingen, auch im Bereich Integration, gewährleisten zu können.
  9. Eine zusätzliche Schulung und Aufklärung von Leitern, Helfern und Betreuern von Aufnahmeeinrichtungen in der Vermittlung von demokratischen Werten  an Flüchtlinge,  aber auch zur Sensibilisierung für Merkmale des Salafismus, sollten Bestandteil von möglichen Trainingsprogrammen sein. Dabei bedarf es auch einer umfangreichen Gewinnung von Wissen über die unterschiedlichen Herkunftsländer, ihrer Kultur, Religion und Politik, um fundierter auf die Hintergründe von Flüchtlingen eingehen zu können.
  10. Freiwillige Helfer sind bei der Heranführung von Flüchtlingen an demokratische Systeme ein zentrales Element, in dem ihr Einsatz zentrale demokratische Werte wie Teilhabe, Engagement und Toleranz verkörpert. Die Zivilgesellschaft sollte gestärkt und ermutigt werden, vor Ort aktiv zu werden.

Um dies umsetzen zu können, wurden folgende Punkte von den Teilnehmern/-innen diskutiert:

  1. Effektive, auf die Situation abgestimmte und langfristige Maßnahmen in den Bereichen Sprachvermittlung, Sozial-/Trauma-Arbeit, Kinder-/Jugendarbeit, Erst-/Notversorgung, Koordination und Kulturaustausch, bedürfen einer massiven Aufstockung finanzieller Mittel für in diesem Bereich tätige Organisationen.
  2. Für eine Vervielfältigung und Individualisierung der Erstbetreuung von Flüchtlingen sowie von Sprach- und Integrationsprogrammen (wie z.B. den Integrationskursen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF)) bedarf es eines generellen Anspruchs auf Integrationskurse, der bereits während des laufenden Asylverfahrens bestehen sollte. Zudem sollte eine Individualisierung der Integrationskurse die unterschiedliche Herkunft der Flüchtlinge berücksichtigen
  3. Für die Bewältigung der aktuellen und bevorstehenden Herausforderungen und Aufgaben, wird die Einrichtung einer neuen Verwaltungsbehörde, z.B. in Form eines Ministeriums für Migration und Flüchtlinge, welchem die Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration vorsitzen könnte, diskutiert.
  4. Es müssen zusätzliche Anreize oder Konzepte zur Gewinnung und langfristigen Mitwirkung von Helfern und Betreuern, vor allem mit Migrationshintergrund, bilingualen Sprachkenntnissen und zweifach kulturellem Know-how, geschaffen werden.
  5. Integrationsarbeit kann insgesamt durch einen Ausbau der Förderung und Unterstützung von Programmen und Projekten gegen Antisemitismus und Rassismus begünstigt und nachhaltig gefördert werden.

 

 

08.10.2015 Bericht

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