Der Genozid an den Jesiden: Rede von Deidre Berger bei AJC - Hawar Gedenkveranstaltung

4. August 2016

Begrüßung Deidre Berger, Direktorin des AJC Berlin Ramer Institute 

Liebe Freunde des American Jewish Committee, liebe Düzen, liebe Nadia Murad und liebe Freunde aus der jesidischen Gemeinschaft in Deutschland,

es mag Sie vielleicht verwundert haben, warum ausgerechnet wir – das American Jewish Committee – zusammen mit der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Hawar zu einer Gedenkveranstaltung für die vom IS verfolgten, versklavten und ermordeten Jesiden eingeladen haben.

 

Vor zwei Jahren überfielen Horden des Islamischen Staates in die von Jesiden bewohnte Stadt Shingal ein. Ganze Familien wurden hingerichtet, Kinder zu Vollwaisen gemacht, Tausende Frauen und Kinder versklavt und missbraucht. Mich haben die Ereignisse zutiefst schockiert, als Mutter zweier Töchter, als Jüdin, als Mensch.

Wir in der jüdischen Gemeinschaft haben ein feines Gespür, wenn andere Minderheiten in ihrer Existenz bedroht werden. Siebzig Jahre nach dem Holocaust droht dem Jesidentum, einer der ältesten Religionsgemeinschaften der Welt, die Vernichtung. Von etwa einer Million Jesiden weltweit, sind gegenwärtig allein 430.000 Menschen auf der Flucht. Mehr als 5000 Jesiden sind dem bestialischen Vernichtungszug des IS zum Opfer gefallen – die Dunkelziffer ist noch viel höher.

Was uns ebenso schockiert. Noch immer werden Tausende Frauen vom IS als Sklavininnen festgehalten und sexuell missbraucht.

Juden in aller Welt nehmen an diesem Schicksal Anteil. Denn für viele spiegelt die Leidensgeschichte der Jesiden auch die eigene historische Erfahrung von Verfolgung und Erniedrigung wider. Das AJC unterstützt daher die israelische Hilfsorgansiation IsraAid bei humanitären Hilfsleistungen im Nordirak und wir pflegen intensive Kontakte zur jesidischen Gemeinschaft in Deutschland und den Vereinigten Staaten.

Erst vor einem Monat haben wir beim AJC Global Forum in Washington D.C. vor Tausenden Entscheidungsträgern die jesidisch-irakische Parlamentsabgeordnete Vian Dakali mit dem AJC Moral Courage Award ausgezeichnet. Im Mai haben wir die 15jährige Samia Sleman , ein Opfer unvorstellbarer Misshandlungen ihrer IS-Peiniger, mit dem AJC Voice of Conscience Award gewürdigt.

Mit diesen Events wollten wir dazu beitragen wachzurütteln und den „vergessenen Völkermord an den Jesiden“ sichtbar zu machen.

AJC stellt gerne eine Plattform zur Verfügung, dass die starken Stimmen innerhalb der jesidischen Minderheit noch mehr Gehör finden. Starke Stimmen wie Nadia Murad. Die erst 21-jährige zeigt eine bewundernswerte Kraft, uns immer wieder von einer Hölle zu berichten, die für Tausende noch immer nicht zu Ende ist.

Ich habe tiefen Respekt für Nadia Murad für den Mut bei dem UN-Sicherheitsrat, vor EU und im Bundestag Zeugnis der Gräultaten abzulegen. Ihre Berichte haben dazu beigetragen, dass der UN Menschenrechtsausschuss nun vorgeschlagen, den Völkermord an den Jesiden als das zu benennen was es ist, nämlich einen Genozid, den Versuch ein ganzes Volk auszurotten.

Düzen Tekkal, eine deutsche Jesidin, ist eher zufällig Zeugin des Genozids geworden, als sie 2014 mit ihrem Vater in den Nordirak reiste, um ihre jesidischen Wurzeln zu erkunden. Was als eine Familienreise geplant war, endete als ein herzzerreißende Dokumentation des Schreckens. Ihr Film „Hawar“ beschreibt in eindrucksvoller Art und Weise, was eigentlich am Anfang des 21. Jahrhunderts, 70 Jahre nach dem Holocaust, unvorstellbar ist. Mit dem gleichnamigen Verein leistet sie und ihr engagiertes Team einen entscheidenden Beitrag dafür die Erinnerung an diesen Genozid, der in der Leidensgeschichte der Jesiden nicht der erste Versuch war, wachzuhalten.  Doch sie belässt es nicht dabei zu erinnern. Sie will die jesidische Stimme in Deutschland stärken.

Ich bin froh, Düzen, dass wir uns begegnet sind und gemeinsam dafür kämpfen können, Demokratie und Grundwerte einzufordern, um Sicherheit für Minderheiten zu stärken. Denn: Eine Demokratie ist nur so stark, wie das schwächste Glied in der Kette. Wir als AJC werden alles dafür tun, um weiterhin Aufmerksamkeit für das Schicksal der bedrohten Jesiden zu schaffen.

Liebe Freundinnen und Freunde,

es freut mich, dass Sie alle trotz Sommerpause ihren Weg zu uns gefunden haben. Ich hoffe sehr, dass sie die Botschaft dieser Gedenkveranstaltung weitertragen und somit ihren Beitrag dazu leisten, Aufmerksamkeit für die verbliebenen jesidischen Gefangenen zu schaffen und die in Deutschland lebenden Betroffenen unsere Herzen zu öffnen und ihnen einen sicheren Hafen zu schaffen.

 

 

Über den Autor
Deidre Berger

Direktorin des AJC Berlin Ramer Institute for German-Jewish Relations

04.08.2016 Meinung
Thema
AJC

Pressekontakt

Fabian Weißbarth

Tel.: +49 (0)30 22 65 94-12
Fax: +49 (0)30 22 65 94-14

weissbarthf@ajc.org