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Antisemitismus: von der Straße zurück in die Schule (Jüdische Rundschau)

16. August 2014

Nach den antijüdischen Attacken und Hassparolen, die sich in den letzten Wochen in ganz Deutschland im Zuge der Gaza-Proteste Bahn gebrochen haben, wird deutschlandweit über das Ausmaß des Antisemitismus diskutiert. Zurecht: Zwar sind antisemitische Übergriffe und Hasspropaganda nicht neu, doch weisen die jügsten Proteste eine neue Qualität des Problems auf. Ein Ende der Eskalation ist derweil nicht in Sicht.

Die Bild-Zeitung veröffentlichte daher eine Titelseite mit Statements zahlreicher Prominenter unter dem Aufhänger „Nie wieder Judenhass“. An der Social Media Kampagne #stimmeerheben beteiligten sich zudem Tausende, darunter Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen. Bundeskanzlerin Merkel nannte diese Ausbrüche und Äußerungen ein „Angriff auf Freiheit und Toleranz“, die man nicht hinnehmen dürfe.

Wenn auch zu spät: Die öffentliche Verurteilung des Antisemitismus durch Politik und Gesellschaft ist wichtig und mehr als nur „Symbolpolitik“. Doch die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. Wie schaffen wir es, die allgemeine Empörung über die antisemitischen Gewaltausbrüche in langfristig angelegte politische Handlungsmaßnahmen zu übesetzen?

Bundestag und Bundesregierung haben es bislang versämt, ihre Hausaufgaben zu machen. Kurz vor Ende der vergangenen Legislaturperiode verabschiedete das Parlament mit großer Mehrheit die Resolution „Antisemitismus entschlossen bekämpfen“, nachdem ein umfangreicher Bericht der unabhängigen Expertenkommission Antisemitismus zwei Jahre in der Schublade verschwand. Es wurde unter anderem beschlossen, Initiativen gegen Antisemitismus nachhaltiger zu fördern oder Bildungspläne dahingehend zu verändern, ein differenzierentes Bild von Israel und Judentum zu vermitteln. Dabei geht es insbesondere und nachdrücklich darum, auch die Analyse und Kritik antisemitischer Verschwörungstheorien auf den Lehrplan zu nehmen. Die jüngsten Gaza-Proteste haben gezeigt, dass diese weit verbreitet sind. So stürmten zahlreiche Palästina-Aktivisten eine Schnellrestaurantfiliale in Nürnberg, weil sie glauben, Juden würden sowohl McDonalds als auch BurgerKing besitzen.

Forderungen, die angesichts der aktuellen Proteste notwendiger denn je sind. Derzeit gibt es jedoch kein staatlich gefördertes Programm, welches sich gezielt mit dem Problem des Antisemitismus auseinandersetzt. Viele Initiativen und Programme mussten ihre Arbeit mangels Förderung einstellen. Das Ausmaß des Problems wird umso brisanter, wenn alsbald die Sommerferien vorbei sind. Was passiert erst, wenn die durch die Sommer-Demonstrationen aufgehetzten Jugendliche zurück in die Klassenzimmer strömen? Schon jetzt sind unsere Lehrkräfte oftmals überfordert, wenn es um die Themen Nahostkonflikt und Antisemitismus geht.

Die derzeitigen Gaza-Proteste haben zudem zwei weitere Entwicklungen deutlich gemacht: Zum Einen nehmen salafistische Gruppen in Deutschland an Selbstbewusstsein zu und das nicht erst seit den militärischen Auseinandersetzungen in Gaza. Derzeit kämpfen bis zu 320 deutsche Djihadisten in Syrien, was nicht nur eine Herausforderung für die Sicherheitsbehörden darstellt. Die Syrien-Kämpfer fungieren schon jetzt als Rollenvorbilder für zahlreiche Jugendliche in Deutschland. Zum Anderen findet Antisemitismus, sichtlich angeheizt durch die Hetzkampagne des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, immer stärker auch Widerhall in der türkischen Community in Deutschland. Nicht wenige türkische Fahnen waren in den vergangenen Wochen bei Demonstrationen sichtbar.

Doch wäre es verkürzt, dass Problem auf die Muslime in Deutschland abzuladen, finden antisemitische Ressentiments Resonanz in sämtlichen Teilen der Gesellschaft, gerade auch bei der Darstellung des Nahost-Konflikts.

Im kommenden Jahr etwa veröffentlicht die Deutsch-Israelische Schulbuchkommission einen Bericht zum Israelbild in deutschen Lehrbüchern. Das Zwischenergebnis ist schon jetzt eindeutig: Israel wird in hiesigen Schulbüchern alleinig auf Gewalt und Konflikt reduziert. Häufig wird Israel als starker „Goliath“ dem schwachen palästinensischen „David“ gegenübergestellt. Hinzu kommen Medienberichte, die Israel als „Kinder- und Frauenmoerder“ darstellen oder von „Auge um Auge“ und „Vergeltung“ sprechen. Die Grenze zum Antisemitismus ist oftmals fließend.

Die Verantwortung der Politik ist gefragt. Eine Dringlichkeitssitzung der Kultusminister wäre ein erster Schritt. Eine massive Ausweitung von Bildungsprojekten gegen Antisemitismus ist längst überfällig. In den kommenden Wochen und Monaten wird sich zeigen, wie ernsthaft sich die Politik dieser Herausforderung widmet. Empörung ist wichtig, reicht aber nicht aus, um den Antisemitismus zurückzudrängen. Der Antisemitismus ist ein Angriff auf die demokratische Gesellschaft insgesamt. Doch machen wir uns nichts vor: Im Kampf gegen Antisemitismus bedarf es weiterhin der unnachgiebigen Aufmerksamkeit von jüdischen und nicht-jüdischen Organisationen.

Über den Autor
Fabian Weißbarth

Fabian Weißbarth is the Public Affairs Coordinator at the American Jewish Committee in Berlin. In his role, he is responsible for Media and Campaign work of the AJC, especially on the topics of anti-Semitism and the security of Israel.

16.08.2014 Meinung

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