Meldung

AJC alarmiert über Anstieg antisemitischer Übergriffe in Berlin

08.03.2016

Das American Jewish Committee (AJC) zeigt sich besorgt ob des anhaltend hohen Niveaus judenfeindlicher Hasspropaganda und Übergriffe in der Hauptstadt. Wie die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in ihrer neuesten Statistik mitteilte, sind 2015 34 % mehr antisemitische Vorfälle bekannt geworden als im Vorjahr.

„Die genauere Datenerfassung zeigt das Ausmaß des alltäglichen Antisemitismus, dem Juden in Berlin ausgesetzt sind. Viele Juden fühlen sich angesichts steigender Übergriffe und antisemitischer Anfeindungen auf Straßen, Schulhöfen oder Sportplätzen zunehmend unsicher. Hinzu kommt Hasspropaganda auf Facebook, Twitter und in Leserkommentaren, denen man dauernd ausgesetzt ist“, so Deidre Berger, Direktorin des AJC Berlin Ramer Institute for German-Jewish Relations.

Nach Angaben der RIAS sind bislang 401 antisemitische Vorfälle für das Jahr 2015 bekannt, wovon lediglich 183 in der offiziellen Polizeistatistik erfasst sind (193 im Jahr 2014). Besonders dramatisch: 151 Personen waren direkt von Bedrohungen und aggressiven Pöbeleien (darunter fallen auch gezielte Zuschriften gegen Einzelpersonen und Institutionen) und Angriffen betroffen. Dabei wurden 31 Personen verletzt. Die meisten Betroffenen waren als Juden erkennbar.

„Immer mehr Juden berichten uns, dass sie sich seltener oder gar nicht mehr als Juden in der Öffentlichkeit zu erkennen geben. Denn wir erleben seit einigen Jahren eine Radikalisierung antisemitischer Täter. Die Hemmschwelle zur Gewaltandrohung und -anwendung sinkt dabei stetig.“, berichtet Berger, die nunmehr seit 30 Jahren in Deutschland die Entwicklung des Antisemitismus beobachtet.

Exemplarisch für diesen Trend stehen etwa die wiederholten Angriffe und Androhungen gegen Spieler des einzigen jüdischen Fußballclubs TuS Makkabi Berlin oder etwa Hassattacken im Rahmen des in Berlin jährlich stattfindenden islamistischen Al-Quds-Marsches.

„Wir erwarten vom Berliner Senat eine konsequente Null-Toleranz-Politik gegen antisemitische Täter, sei es auf Demonstrationen oder auf den Sportplätzen. Die Stadtgesellschaft muss hier stärker Flagge zeigen, und auch Polizei und Sicherheitsbehörden können noch früher und konsequenter eingreifen“, so Berger weiter. „Uns besorgt die niedrige Aufklärungsrate bei antisemitischen Taten und Vorfällen. Es ist wichtig, so viele Fälle wie möglich rechtzeitig aufzuklären, um zu verdeutlichen, dass Antisemitismus nicht toleriert wird."

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS), welche die Zahlen veröffentlichte, wurde im Januar 2015 durch den Verein für Demokratischen Kultur in Berlin (VDK e.V.) mit dem Ziel gegründet, auch die Dunkelziffer antisemitischer Vorfälle zu erfassen. Hierfür wurde Mitte 2015 ein Online-Meldeportal geschaffen, was eine Vervielfachung an Meldungen zur Folge hatte. Betroffene können nun unter www.report-antisemitism.de direkt berichten.

Benjamin Steinitz, Koordinator der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, erklärt: „Die starke Zunahme an Meldungen seit der Bekanntmachung der neuen Meldemöglichkeiten zeigt lediglich, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben, um mehr über das Ausmaß von Antisemitismus im Alltag unserer Stadt zu erfahren. Auch wenn die Zahl von 401 Vorkommnissen erschreckend hoch ist, gehen wir immer noch von einer großen Dunkelziffer uns nicht bekannt gewordener Fälle aus."

Deidre Berger ergänzt: „Ähnliche Registerstellen in anderen Bundesländern würden uns ein besseres Lagebild über die Gefahren und das Ausmaß des Antisemitismus verschaffen."

Die Recherchestelle wird durch die Senatsverwaltung für Arbeit und Integration gefördert (einmalig in Deutschland) und arbeitet u.a. eng mit dem AJC Berlin Ramer Institute und weiteren zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen. 

PDF Icon rias_bericht_antisemitischer_vorfaelle_2015_8.3.2016.pdf
08.03.2016 Meldung

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