Vergessene Massengräber des Holocaust in Osteuropa

In mehreren Staaten der ehemaligen Sowjetunion befinden sich tausende bislang unmarkierte und vielfach noch nicht lokalisierte Massengräber des Holocaust, die ein weitgehend unerschlossenes Kapitel des Holocaust darstellen.

Schätzungsweise zwei Millionen Juden wurden unter der deutschen Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion von Einsatzgruppen, Wehrmachts- und Polizeieinheiten erschossen. Am stärksten in der kollektiven Erinnerung verankert sind die Massaker von Babyn Jar, die sich in diesem Jahr zum 70. Mal jähren. Gezielte Massenerschießungen fanden jedoch auch an unzähligen weiteren Orten statt, die heute zumeist völlig vergessen sind. Diese Massenerschießungen betrafen nicht nur Juden, sondern auch Roma und andere Opfergruppen. Die Leichname wurden vor Ort verscharrt und liegen bis heute in zumeist unmarkierten Massengräbern am Rande von Dörfern und Städten, zwischen Wäldern und Feldern. Ohne baulichen Schutz sind die Grabplätze Naturgewalten und Schändungen ausgesetzt. Ein würdiges Gedenken ist unter den jetzigen Bedingungen genauso wenig gewährleistet wie die Totenruhe der Ermordeten.

Die Pariser Organisation Yahad–In Unum, die von dem französischen Pater Patrick Desbois geleitet wird, hat in den vergangenen Jahren in der Ukraine, Weißrussland und Russland mit Hilfe von Zeitzeugen und Archivstudien über 400 Erschießungsstätten mit mehr als 1.000 Massengräbern des Holocaust identifiziert. Viele hundert Massengräber sind jedoch noch unentdeckt. Angesicht der drängenden Zeit, die Spuren des dezentral durchgeführten nationalsozialistischen Massenmordes noch mit Hilfe der letzten Zeitzeugen zu dokumentieren, hat Yahad–In Unum die Forschungsarbeiten dank der finanziellen Förderung durch die Bundesregierung jüngst intensivieren können.

In Anbetracht des sich schließenden Zeitfensters aufgrund des Verschwindens der letzten Augenzeugen der Morde ist es höchste Zeit, die Dokumentation und den baulichen Schutz der Massengräber des Holocaust zu forcieren. Dabei geht es auch darum, dem aus jüdischer Sicht zentralen Gebot Geltung zu verschaffen, wonach die Ruhe der Toten unbedingt zu gewährleisten ist. Denn „ein Krieg ist erst vorbei, wenn die letzten Opfer beerdigt sind“ – so Patrick Desbois, Präsident von Yahad In Unum.
Im Januar 2010 hat sich daher auf Initiative des American Jewish Committee, des Zentralrats der Juden in Deutschland und des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Berlin eine internationale Koalition zusammengeschlossen, um sich gemeinsam für den Schutz und die würdige Gestaltung dieser Massengräber und damit auch für die Bewahrung der Spuren des Massenmords für die Nachwelt einzusetzen.

Die Dringlichkeit von Schutzmaßnahmen für die Grabplätze ist bei einer ersten Sichtung vor Ort deutlich geworden, etwa in dem Ort Prokhid, wo an mehreren Massengräbern durch äußere Umstände die Gebeine an die Oberfläche gelangt sind. Eine ähnliche Problemlage gibt es auch an vielen weiteren Erschießungsstätten.

Die Initiatoren sind daher dankbar, dass die Bundesregierung für den Schutz dieser Massengräber im Jahr 2010 einen Haushaltstitel geschaffen hat. Dadurch konnte im vergangenen Jahr ein durch das Auswärtige Amt finanziertes Pilotprojekt begonnen werden, das auf Basis der von Yahad in Unum zusammengetragenen Daten den Schutz von Massengräbern an fünf ausgewählten Pilotstätten in der Westukraine zum Ziel hat (darunter auch die Erschießungsstätte in Prokhid). Die bei diesem Pilotprojekt gewonnenen Erfahrungen sollen als „Best Practice“ später in Maßnahmen zum Schutz weiterer Massengräber in Osteuropa einfließen.

Hintergründe und weiterführende Informationen zum Projekt finden Sie auf der Homepage von Protecting Memory.